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Ärztekammer: Rauchen ist eine Krankheit

von Verena Friederike Hasel

Nikotinabhängigkeit soll als Krankheit eingestuft werden, wenn es nach der Bundesärztekammer geht. Wollen die Mediziner einfach nur an der Behandlung von Rauchern verdienen oder haben sie Recht?

Fünf Millionen Menschen werden dieses Jahr sterben, nicht aus Altersgründen, nicht wegen einer schicksalhaften Krankheit, sondern weil sie geraucht haben. Nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt sich Tabak zu einer der größten Gesundheitskatastrophen, welche die Menschheit je erlebt hat. Alle sechs Minuten, so steht es im 2008 erschienenen Welt-Tabak-Bericht, stirbt auf der Welt ein Mensch an einer Krankheit, die als Folge des Rauchkonsums eingestuft wird wie Lungenkrebs. Inzwischen hat die Nikotinsucht schon mehr Opfer gefordert als Tuberkulose, Malaria und Aids zusammen. Allein in Deutschland sterben jährlich 110.000 bis 140.000 Menschen an den Folgen von Nikotin – das sind etwa so viele Menschen wie Potsdam oder Heidelberg Einwohner haben. Würden Menschen solch ein Risiko in Kauf nehmen, wenn sie nicht ernsthaft süchtig und damit krank wären?

Rauchen sei kein Lifestyleproblem, sagen die Ärzte

Die Bundesärztekammer glaubt: nein. Rauchen sei kein Lifestyle-Problem, das durch reine Willensanstrengung und Gespräche zu beheben sei. Sie fordert, dass Tabakabhängigkeit als Krankheit anerkannt wird. Heute hat die Bundesregierung die Mediziner zu einer Anhörung eingeladen. Es gilt zu entscheiden, ob Rauchen nur eine schlechte Gewohnheit ist. Ist es mehr als das, könnte es teuer werden für die Krankenkassen.

Zunächst erscheint das Wort Krankheit selbsterklärend – Masern sind eine Krankheit, Krebs ist auch eine, komplizierter wird es jedoch bei Süchten. Ein Alkoholiker behauptet selbst im fortgeschrittenen Stadium der Sucht noch, er habe seinen Alkoholkonsum im Griff. Und für Tabak warb ein Konzern jahrelang mit dem Slogan „Ich rauche gern“.

Auf zwei Drittel aller Raucher treffen die Suchtkriterien zu

Für ihre Diagnostik haben sich die Mediziner weltweit schon vor 60 Jahren auf ein einheitliches System geeinigt, das ständig erweitert wird. Das aktuelle heißt ICD-10, es enthält auch eine Definition von Abhängigkeitserkrankungen. Ihr zufolge verspürt der Betroffene einen starken Wunsch, die Substanz einzunehmen, und nimmt dafür negative Folgen in Kauf. Verzichtet er auf die Substanz, hat er Entzugserscheinungen, und verstärkt den Konsum anschließend wieder, um diese abzumildern.

Nach Aussage von Frieder Hessenauer, dem Vorsitzenden des Ausschusses „Sucht und Drogen“ der Bundesärztekammer, treffen diese Merkmale auf die Mehrheit der Raucher in Deutschland zu. „Wenn man die ICD-Kriterien zugrunde legt, sind bis zu zwei Drittel der Raucher krank“, sagt Hessenauer auf Anfrage von zoomer.de. Der Medizinprofessor ist einer der Ärztevertreter, die heute mit der Bundesregierung sprechen.

Wissenschaftler halten Nikotin für gefährlicher als Ecstasy

Unterstützung erfährt die Ärztekammer von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. „Die Tabakabhängigkeit muss anderen Abhängigkeitserkrankungen gleichgesetzt werden“, sagte deren Sprecherin Christa Merfert-Diete zoomer.de „Alles andere ist Augenwischerei.“ Auch internationale Studien weisen in eine ähnliche Richtung: Gerade erst stellten Wissenschaftler der Uni Massachusetts fest, dass 12-Jährige schon zwei Tage, nachdem sie zum ersten Mal an einer Zigarette gezogen hatten, Symptome der Nikotionsucht zeigen. In einer Zusammenstellung der gefährlichsten Drogen, die 40 britische Ärzte in der renommierten Medizinjournal „The Lancet“ 2008 vorgenommen haben, taucht Tabak – genau wie Alkohol – noch vor LSD und Ecstasy auf. Tabak steht auf dem neunten, LSD auf dem zwölften und Ecstasy erst auf dem 18. Platz. Grundlage für die Einstufung waren die Schwere der körperlichen Folgen sowie die Gefahr der Abhängigkeit

Wollen sich die Ärzte einen neuen Markt erschließen?

Doch der Vorstoß der Bundesärztekammer ist mehr als nur eine symbolische Geste, es geht auch um Geld, denn: Was als Krankheit gilt, muss behandelt werden. Kritiker der Initiative sehen in ihr einen Versuch der Ärzte, sich neue Einnahmequellen zu erschließen. Wäre Tabakabhängigkeit als Krankheit anerkannt, könnten sie zahlreiche Nichtraucherprogramme unter ärztlicher Leitung anbieten und die Krankenkassen müssten zahlen. Hessenauer weist diese Vermutung zurück: „Wir haben keine neuen Märkte im Kopf“. Trotzdem – die Krankenkassen sind skeptisch. „Wir sehen keinen Sinn darin, einen Drittel der Bundesbürger, denn so viele rauchen schließlich, für krank zu erklären“, sagte Florian Lanz vom GKV-Spitzenverband, der Vereinigung der gesetzlichen Krankenversicherungen, zu zoomer.de.

Auch wenn die Motive der Bundesärztekammer nicht ganz eindeutig sind, einer ihrer Vorwürfe ist zweifelsohne gerechtfertigt: Nichtraucherkurse seien regional kaum verfügbar und erreichten vor allem Versicherte mittlerer und höherer Schichten, klagen die Ärzte. Gerade an Schulen müsse man verstärkt tätig werden. Tatsächlich wächst der Anteil der Raucher vor allem unter Hauptschülern, und an Schulen passierte in den vergangenen Jahren oft noch das Gegenteil von Prävention: Vor einigen Jahren gaben die Bildungsministerien in Brandenburg und Sachsen-Anhalt einen Internet-Führerschein für Schüler auf CD-Rom heraus. Die interaktive Einführung in das Medium richtete sich an 13- bis 17-Jährige – gesponsert war sie vom Zigarettenhersteller Philip Morris.